Was tun bei finanziellen Engpässen – 5 Stellschrauben

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Erinnern Sie sich noch?

In unserem Blogartikel Brutto Netto Unterschied – Was verdienen Selbständige? ging es darum, wie sich das Nettoeinkommen von selbständigen Unternehmern berechnet.

Es ist existentiell wichtig die Höhe des eigenen Nettoeinkommens zu kennen. Ansonsten ist die Gefahr einfach zu groß, dass man über seine Verhältnisse lebt.

Was aber tun, wenn man zwar sein Nettoeinkommen kennt, allerdings feststellt, dass man mit dem verfügbaren Einkommen einfach nicht auskommt?

So berechnen Sie Ihr Nettoeinkommen

Schauen wir uns noch einmal die vereinfachte Formel an, nach welcher sich Ihr Einkommen berechnet:

Praxisgewinn
+ Abschreibungen
– Investitionen
– Darlehenstilgung
– Steuern
– Versicherungen
= Nettoeinkommen.

Die Einkommensstellschrauben

Einige dieser Formelgrößen können Sie – häufig, aber nicht immer – beeinflussen.

An diesen 5 Stellschrauben kann man drehen:
1. dem Gewinn
2. der Höhe der Belastungen aus Darlehen
3. den Steuern
4. den Versicherungen
5. dem privaten Konsum.

Fertig.

Mehr Stellschrauben haben wir nicht, um einen Unternehmer aus einer Liquiditätsunterdeckung (sprich: am Ende des Geldes ist noch Monat übrig) heraus zu führen.

Wenn Sie also merken, dass sich Ihre Kontosalden permanent in die falsche Richtung bewegen, sollten Sie sich der Reihe nach mit diesen Stellschrauben befassen.

Die Betonung liegt auf: Der Reihe nach.

Ich nehme mir an dieser Stelle aus didaktischen Gründen allerdings die Freiheit, die Reihenfolge der zu durchleuchtenden Stellschrauben umzudrehen. Fangen wir also hinten und damit mit Ihren privaten Ausgaben an:

Stellschraube #5 – Der private Konsum

Nehmen wir einmal an, wir hätten anhand der oben genannten Formel das Nettoeinkommen von zwei Ärzten mit jeweils eigener Praxis berechnet:

Dr. Klein kommt auf ein Nettoeinkommen in Höhe von monatlich 3.000 EUR – und kommt mit dem Geld nicht aus. Ihm fehlen 1.000 Euro netto im Monat zur Deckung seiner Lebenshaltungskosten.

Dr. Groß kommt auf ein Nettoeinkommen in Höhe von monatlich 10.000 EUR – und kommt damit ebenso wenig aus. Auch ihm fehlen 1.000 Euro netto im Monat.

Gehen wir spaßeshalber mal davon aus, dass die Doctores Klein und Groß dicke Freunde sind. Was würde Dr. Klein wohl seinem Kollegen Groß raten?

Vermutlich würde er ihm sagen: „Mein lieber Groß, ist doch gar kein Problem mit 4.000 Euro im Monat auszukommen. Das schaff ich auch. Fahr einfach deine Konsumausgaben auf mein Niveau herunter und Dein Problem ist gelöst!“

Rauf immer, runter nimmer

Der Tipp von Dr. Klein ist aus seiner Sicht natürlich absolut nachvollziehbar.

Das Problem an der Sache ist nur: Für Dr. Groß fühlt es sich überhaupt nicht so an, als würde er zu viel Geld ausgeben. Er fühlt sich eigentlich sogar recht bescheiden.

Er arbeitet schließlich hart.

Und dann muss man sich auch mal etwas gönnen dürfen. Ohne schöne – und teure – Urlaube zur Erholung würde er nach seiner Meinung niemals diese hohen Gewinne erwirtschaften.

Der schicke Sportwagen ist auch nicht übertrieben. Den fährt der Nachbar auch. Und der hat nicht einmal studiert!

An den Restaurantbesuchen kann nicht gespart werden. Bei der vielen Arbeit in der Praxis bleibt ja keine Zeit zu Hause selbst zu kochen.

Das Pferd der Tochter verkaufen? Das arme Tier… und die arme Tochter. Was sollen die Leute im Reitstall denken?

Den Sohn von der Privatschule nehmen? Aber er hat doch alle Freunde dort …

Und an das Eigenheim gehen wir schon mal gar nicht ran. Ansonsten gibt es Ärger mit der Gattin.

Das wahre Leben

Klingt das für Sie übertrieben?

Ist es nicht. Es handelt sich um ein Szenario, das ich so oder in leicht abgewandelter Form nahezu jeden Tag erlebe.

Es ist einfach wahnsinnig schwer, einen einmal erreichten Lebensstandard willkürlich um ein bis zwei Level runterzuschrauben.

Jeder Mensch bewegt sich in einer finanziellen Vergleichsgruppe. Sich von dieser Gruppe nach unten absetzen zu müssen tut unfassbar weh. Es schafft fast niemand. Zumindest nicht freiwillig.

Wer es dennoch schafft: Respekt!

Ob ich es selbst in einer Krise hinbekäme? Ehrlich, ich weiß es nicht.

Wenn überhaupt, dann schafft man das nur mit Druck von außen. Und für diesen Druck sorgt notfalls Ihre Bank. Insbesondere wenn Sie Ihre Liquiditätsengpässe mit weiteren Schulden bei der Bank zu schließen versuchen.

Wenn die Bank die eigenen Risiken für Sie ausweiten soll, dann wird – verständlicherweise – erwartet, dass Sie sich an irgend einer Stelle auf die Bank zu bewegen.

Zum Beispiel bei den Privatausgaben. Dann müssen tatsächlich alle privaten Kosten auf Einsparpotentiale untersucht werden.

Kommen wir zu …

Stellschraube #4 -Versicherungen

Klar, an manchen Versicherungsbeiträgen kann oder sollte man nicht sparen:

Ob Versorgungswerk, Krankenversicherung, Berufsfunfähigkeitsversicherung oder Risikotodesfallschutz, diese Versicherungen werden einfach gebraucht.

Es sei denn der Schutz für Berufsunfähigkeit oder Todesfall wäre völlig überdimensioniert. Was ich bisher selten erlebt habe. Meist wird hier eher zu wenig vorgesorgt.

Eine echte Stellschraube kann aber aus den Versicherungen werden, wenn freiwillig in Altersvorsorgeprodukte wie Kapitallebensversicherungen gespart wird.

Bitte nicht falsch verstehen: Altersvorsorge ist natürlich extrem wichtig und total sinnvoll.

Altersvorsorge nicht mit Schulden finanzieren

Sobald Sie aber anfangen eine Versicherung mit einer voraussichtlichen Rendite in Höhe von beispielsweise 3 Prozent (eine ordentliche Rendite in diesen Zeiten) zu besparen und der Beitrag regelmäßig nur aus dem Dispokredit bedient werden kann, dann betreiben Sie astreine Geldvernichtung.

Wenn ich dann mit Unternehmern darüber rede, ob die Lebensversicherung beitragsfrei gestellt oder gekündigt werden sollte, höre ich oft: „Aber das ist doch meine einzige private Altersvorsorge.“

Mag sein, aber wenn man gleichzeitig in noch höherem Umfang höhere und teure Schulden macht, dann handelt es sich faktisch um keine Altersvorsorge. Sondern um Geldvernichtung. Das kann man drehen und wenden wie man will.

Schluss oder Pause mit Sparraten bei Liquiditätslöchern.

Übrigens: Wenn Ihr Nachbar Versicherungen vertreibt und gleichzeitig ein netter Kerl ist, brauchen Sie dennoch nicht jedes Jahr einen neuen Lebensversicherungsvertrag.

Auch wenn sich – nach Meinung des Nachbarn – die Vertragsbedingungen der neuen Policen deutlich verbessert haben. Kein Mensch braucht 20 Kapitallebensversicherungsverträge. Wir haben genau dies aber schon in unserer Kanzlei gesehen!

Das Fazit bei Versicherungen: Altersvorsorge nicht mit Schulden finanzieren!

Kommen wir zu unserer nächsten Stellschraube:

Stellschraube #3 – Steuern

Immer wenn es mit der Liquidität eng wird, sehen Unternehmer nur noch einen Schuldigen. Das Finanzamt!

„Die Höhe der Steuern kann doch nicht stimmen! In diesem Jahr habe ich fast nur für das Finanzamt gearbeitet. Raubrittertum! Ungerechtigkeit!“

Kennen Sie noch weitere Flüche? Glauben Sie mir, ich habe sie alle gehört.

Unternehmer kommen zu uns und haben hin und wieder die Erwartungshaltung, dass wir die Steuern schon irgendwie weg hexen können. Dafür werden wir ja bezahlt. Es heißt ja auch schließlich „SteuerBERATER“.

Wie kann nun ein selbständiger Arzt mit „Tricks und Kniffen“ – sagen wir – 50 Prozent seiner Steuern sparen?

Die Wahrheit? Gar nicht.

Das pfiffige Steuerberater Ihnen die Hälfte der Steuern wegzaubern können, ist genau so ein Mythos wie der Mythos, dass ein Porsche Steuern spart.

Wenn ich Steuerzahlungen halbieren könnte… Ich würde noch heute mit meinen Steuern anfangen!

Natürlich gibt es hier und da Gestaltungsmöglichkeiten, mit denen sich Steuern sparen lassen. Aber die Gestaltungsmöglichkeiten der Superreichen und der Konzerne sind für uns einfach nicht machbar.

Denn dazu bedarf es meist den – ernst gemeinten – Umzug des Unternehmens oder eines Teils davon ins steuergünstige Ausland.

Wie kann man bei den Steuern sparen?

Geht denn in einer finanziellen Krise steuerlich rein gar nichts?

Doch. Über Steuern muss man in der Krise sprechen. Aber die Möglichkeiten hier sind eben weniger spektakulär.

Zunächst sind die Vorauszahlungen zu prüfen. Kann man eine Herabsetzung gegenüber dem Finanzamt rechtfertigen? Sind die Gewinne gefallen?

Kann man sich vielleicht durch die Bildung von steuerlichen Rücklagen einen Kredit vom Finanzamt organisieren?

Hilft die Umstellung der Gewinnermittlungsmethode auf eine Bilanz, um noch nicht bezahlte Rechnungen heute schon steuerlich geltend zu machen?

Aber meist führen unsere Tricks nur zu Steuerverschiebungen oder Einmaleffekten.

Und damit ist Ihnen auf lange Sicht nicht geholfen, wenn das Nettoeinkommen dauerhauft einfach nicht ausreichen will. Wir bekämpfen als Steuerberater dann allenfalls ein akutes Symptom. Und nicht die Ursache.

Ergebnis Stellschraube Steuern: An Steuern kommt man nicht vorbei. Bei akuten Finanzproblemen kann man – eventuell – an dieser Stelle nur etwas „Druck aus dem Kessel“ nehmen.

Stellschraube #2 – Darlehen

Mit seiner Hausbank kann man sprechen. Man sollte es sogar regelmäßig tun. So schnell wie möglich, wenn es finanziell eng wird.

Zunächst sollte geprüft werden, ob es Darlehen gibt, die vielleicht umfinanziert werden können. Insbesondere alte Darlehen der KfW und so genannte Cap-Darlehen können häufig sofort gegen neue Darlehen getauscht werden.

Nicht nur, dass der Zinssatz sich dadurch verringert. Man kann auch die Laufzeiten neu aushandeln.

Bis zum Eintritt in das Rentenalter sollte man natürlich entschuldet sein, aber bis dahin kann man mit der Bank über eine Verlängerung seiner Tilgung verhandeln.

Wieviel hier geht, hängt immer vom Einzelfall ab. Grundsätzlich haben Banken kein Interesse daran, dass Sie demnächst die Raten nicht mehr bedienen können.

Auch die übrigen Darlehen sollte man natürlich prüfen. Bei welchen Darlehen läuft die Zinsbindung in Kürze ab? Lohnt sich vielleicht sogar schon heute eine Umfinanzierung – auch bei Zahlung einer Vorfälligkeitsentschädigung?

Ist keine Streckung von Darlehen möglich, kann man mit der Bank auch über eine Aussetzung der Tilgungen verhandeln.

Sofern man der Bank aufzeigt, wie man seine finanzielle Krise zu lösen gedenkt und dass man hierfür noch etwas Zeit braucht, ist ein solches Verhandlungsergebnis denkbar.

Und der Verzicht auf zum Beispiel eine Jahrestilgung verschafft Ihnen Zeit, notwendige Änderungen herbei zu führen.

Bleibt noch die letzte Stellschraube …

Stellschraube #1 – Der Gewinn

Der Gewinn ist vermutlich die am meisten unterschätzte Stellschraube.

Wenn Sie der festen Überzeugung sind, dass Sie die am besten geführte Praxis betreiben, ein Genie in Marketing, Personalführung und Abrechnung sind und alles besser wissen als die anderen … dann bleibt Ihr Gewinn wie er ist.

Wenn Sie aber bereit sind, sich von Aussagen wie:
* das geht gerade nicht,
* das geht mit meinen Mitarbeitern nicht,
* das wollen meine Patienten nicht,
* hier kann man nichts mehr verbessern,

zu verabschieden und Dinge in der Praxis umzukrempeln, dann kann ich Ihnen von Dutzenden Fällen berichte, in denen es gelungen ist, die Praxisgewinne innerhalb von wenigen Monaten deutlich zu steigern.

Wenn beispielsweise ein Arzt über zu wenige Patienten klagt, gleichzeitig aber immer noch nicht über eine ansprechende Website verfügt, dann ist hier definitiv etwas zu verbessern.

Die vom 15-jährigen Neffen gestaltete Website ist allerdings eine noch schlechtere Idee, als gar keine Internet-Präsenz zu haben.

Sieht Ihre Website aus wie diese hier, dann ändern Sie bitte etwas!

Ebenso kann man über das Praxisambiente nachdenken.

Braune Teppichböden kombiniert mit gelben oder orangen Türklinken und Fußleisten mögen bald wieder modern sein. Wenn die Ausstattung Ihrer Praxis aber den Charme der 80´er versprüht, ist definitiv eine Modernisierung nötig, wenn Sie neue Patienten gewinnen wollen oder Ihre bestehenden Patienten nicht verlieren wollen.

Manchmal muss man eben auch kurzfristig über höhere Kosten nachdenken, damit es mittelfristig bergauf geht.

Raum für Verbesserungen

Sind zwei Stühle in einer Zahnarztpraxis noch zeitgemäß, wenn Sie Ihren Patienten professionelle Zahnreinigung anbieten wollen oder Sie einen weiteren Kollegen anstellen möchten?

Vielleicht muss tatsächlich der Umzug her, mit Umzugs- und Umbaukosten. Wenn dadurch der Umsatz erheblich gesteigert werden kann.

Werden wirklich immer alle erbrachten Leistungen in Ihrer Praxis abgerechnet? Kennen Ihre Patienten Ihr Leistungsspektrum eigentlich?

Dinge zu verbessern gibt es viele. Man kommt nur häufig nicht alleine darauf. Man ist betriebsblind. Investieren Sie in entsprechende Beratung.

Das Fazit zur Stellschraube Gewinn:

Hier geht eigentlich fast immer etwas. Manchmal sogar sehr viel. Der Gewinn ist daher die wichtigste Stellschraube überhaupt.

Sie sehen, es ist oft nicht hoffnungslos, wenn Sie mit Ihrem Geld nicht über die Runden kommen. Es gibt einige Stellschrauben mit denen Sie wieder in den „grünen Bereich“ kommen.

Sollte es bei Ihnen „klemmen“, sprechen Sie uns an und wir untersuchen gemeinsam mit Ihnen Ihre Stellschrauben.

6 Kommentare

  1. Super geschrieben und man fühlt sich ertappt!

  2. …wieder äußerst nett und unterhaltsam geschrieben!
    ich glaube dennoch das man die Altersvorsorge mit Krediten finanzieren kann, nämlich dann wenn damit Immobilien zur Vermietung erworben werden…..gute Lage ist natürlich Voraussetzung!
    herbstliche Grüße

    • von Jens Hellmann

      Lieber Herr Dr. Hecker, danke für das Lob und die gute Ergänzung!
      Solange der Kontokorrent nicht für die Immobilienfinanzierung her halten muss, stimme ich Ihnen voll zu!
      Liebe Grüße
      Jens Hellmann

  3. von Christine

    Leider kann ich zum Thema
    Heiraten fürs Finanzamt: Welche Steuervorteile bringt die Ehe?
    keinen Kommentar schreiben, daher versuche ich es hier.
    Meine Frage ist, mein Partner und ich wollen heiraten. Aktuell verkaufen wir sein Haus und bewohnen meins. Wir haben ein gemeinsames Kind. Er ist Vollzeit beschäftigt und ich Teilzeit. Ist es steuerlich von Vorteil noch vor dem Verkauf des Hauses zu heiraten?

    Viele Grüße und vielen Dank im Voraus

    • von Jens Hellmann

      Liebe Frau Bischoff, das ist aufgrund des kurzen Sachverhalts nicht eindeutig zu beantworten.
      Zunächst einmal ist der Verkauf des selbstgenutzten Eigenheims in der Regel steuerfrei. Auch hier gibt es aber Ausnahmen.
      Wenn Ihr Partner das Haus vom Zeitpunkt des Kaufs bis zum Verkauf ausschließlich zu eigenen Wohnzwecken genutzt hat, sollten wir hier kein Problem haben.
      Allerdings stelle ich mir die Frage wie Sie den Verkaufserlös verwenden wollen. Wenn das Geld (auch) Ihnen irgendwie zukommen soll, müsste man einmal über schenkungsteuerliche Risiken sprechen.
      Dann könnte eine Heirat – steuerlich gesehen – noch vor der Verwendung des Kaufpreises sinnvoll sein.
      Liebe Grüße
      Jens Hellmann

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