Insolvenz von Einzelunternehmen – Der häufigste Grund

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Leider erleben wir es in unserer Kanzlei immer wieder:

Mandanten rutschen in die Insolvenz.

Und das nicht allein, weil die Geschäfte schlechter liefen, sondern aus einem ganz anderen Grund.

Denn die häufigste Ursache für Zahlungsschwierigkeiten bei gut oder sogar sehr gut verdienenden Ärzten und Zahnärzten ist …

…Trommelwirbel …

Das Eigenheim – Insolvenzgrund Nr. 1

„Das ist doch nicht möglich!“ werden Sie sagen.

Die klassischen Argumente pro Immobilie

Schließlich ist es doch statistisch bewiesen, dass Eigenheimbesitzer mehr Vermögen vorweisen können als Mieter.

Außerdem lohnt sich doch ein Eigenheim quasi immer. Ist doch viel besser zu kaufen, als dem Vermieter jeden Monate seine Miete in den Rachen zu schmeißen.

Und außerdem sind die Zinsen derzeit fast geschenkt. Da sollte doch jeder kaufen.

Dies sind nur einige – aber noch lange nicht alle – Argumente für das Eigenheim, die vermutlich seit Jahrzehnten von Generation zu Generation weiter gegeben werden.

Fakten oder Fake-News?

Handelt es sich bei diesen Argumenten pro Eigenheim nun um moderne Sagenbildung oder doch um Tatsachen?

Ich schicke vorweg: Ich besitze ein Eigenheim.

Dennoch halte ich viele der genannten Kaufgründe für schlichten Aberglauben. Immobilienirrtümer.

Es sprechen mindestens genau so viele Argumente für die Miete.

Hierzu hat mein Freund, Mandant und Bloggerkollege Dr. Holger Grethe einen lesenswerten Artikel geschrieben. Seinen Kaufen oder Mieten Vergleich finden sie hier.

Warum ich dennoch ein Eigenheim besitze? Nun ja, ich habe das mal so entschieden. Also eigentlich meine Frau …

Spaß beiseite. Selbstverständlich gab es für unsere Entscheidung auch gute Gründe.

Ein Eigenheim fühlt sich irgendwie besser an. Die eigenen vier Wände. Man darf gestalten und walten wie man möchte. Niemand darf einen hinaus kündigen (bis auf die Bank und vielleicht der Ehepartner bei Scheidung …).

Eigenheimbesitzer haben mehr Vermögen?

Einerseits ja. Sehe ich mir unsere Mandanten an, die jetzt in den wohlverdienten Ruhestand gegangen sind, haben die Eigenheimbesitzer schon das höhere Vermögen durch eine entschuldete Immobilie.

Zwangsweise muss man als Eigenheimbesitzer eben sparen. In Form der Kredittilgung.

Allerdings ist Vermögen im Alter eben nicht alles. Auch im Ruhestand gilt die alte Unternehmerweisheit:

Liquidität vor Rentabilität

Das Eigenheim im Wert – auf dem Papier – von einer Million Euro bringt mir für meinen Ruhestand überhaupt nichts, wenn ich in diesem – inzwischen dreißig Jahre alten Klotz (mit Pool und Sauna) – weiter wohnen möchte (beziehungsweise muss) und daneben keine Liquidität aufgebaut wurde.

Denn von der Rente aus dem Versorgungswerk in Höhe von beispielsweise 3.500 Euro müssen Sie noch Steuern und Krankenversicherung bezahlen.

Was dann übrig bleibt, reicht vielleicht noch für die Nebenkosten der Immobilie. Diese Nebenkosten bei einem alten Haus inklusive Sanierungsrücklage sind dann vermutlich genau so hoch wie die alternative Miete für eine schicke neue Wohnung für zwei Personen.

Dass Sie sich mit einem Eigenheim also die Mietfreiheit im Alter erkaufen, klingt gut, entspricht aber nicht ganz der Wahrheit.

Verkaufen wenn die Kinder aus dem Haus sind?

Wenn Sie gerade vor der Entscheidung stehen, ein Haus zu kaufen, mögen Sie mir entgegen halten:

„Wenn die Kinder aus dem Haus sind, verkaufe ich die Immobilie sowieso. Was wollen wir denn zu zweit dann mit dem ganzen Platz?“

Ich bin nun seit zehn Jahren Hausbesitzer und habe gelernt:

Für jeden Platz im Haus können Sie problemlos Gegenstände finden, um ihn auszufüllen. Kein Haus ist dafür zu groß.

Und nach vierzig Jahren Kanzleigeschichte wissen wir:

95 Prozent aller Eigenheimbesitzer verkaufen NICHT!

Wenn Sie sich über 30 Jahre an die Nachbarschaft gewöhnt haben und das Haus vom Keller bis zum Dach vollgestellt ist, mit all dem Krempel den man eben üblicherweise in 30 Jahren ansammelt, dann verkaufen Sie nicht mehr.

Sie haben schlicht keine Lust dazu. Es wäre nämlich richtig Arbeit. Und an neue Menschen wollen Sie sich auch nicht gewöhnen. Und ein Balkon anstatt Garten geht sowieso nicht.

Also behalten Sie Ihre Immobilie … und den finanziellen Druck, den Sie schon die letzten 30 Jahre während der Finanzierungsphase gespürt haben.

Ach, und falls Sie glauben, dass Sie Ihre Immobilie unbedingt halten müssen, weil Ihr gut geratener Nachwuchs sicher mal das Elternhaus übernehmen will …

Vergessen Sie es.

Auch hier schätze ich den Anteil der Kinder, die das Elternhaus NICHT haben wollen, auf 95 Prozent.

Wie das Eigenheim Unternehmer in die Krise treibt

Was ist nun der Grund dafür, dass die private Immobilie den Unternehmer in die Krise treibt?

Nun ja, die Story ist leider immer wieder dieselbe:

Einige Jahre nach Beginn der Selbständigkeit kommt …

Der Wunsch nach dem Eigenheim

Die junge Ärztin respektive der junge Arzt lässt sich nieder und die Praxis läuft gut. Ein paar Jahre nach der Niederlassung steht die Familienplanung an und man entscheidet sich, die kleine Stadtwohnung aufzugeben und das Häuschen im Grünen zu erwerben.

Die Liquidität stimmt. Die Praxis brummt dank 50-Stunden-Woche inklusive Samstagssprechstunde. Die Steuern sind niedrig – auch aufgrund der hohen Abschreibungen aus dem Praxiskauf.

Gefühlt müsste da bei der Kaufpreisfinanzierung doch ordentlich was gehen.

Und tatsächlich: Die Hausbank richtet freundlich aus, dass man sich gerne nach einem Haus mit einem Investitionsvolumen von 1 Million Euro umschauen dürfe.

Was die Bank interessiert

Die Bank errechnet, welchen Kredit Sie bei Ihrem aktuellen Einkommen vermutlich zurück zahlen können.

Ob das große Eigenheim für Sie ein gutes Investment ist, wird Ihr Sachbearbeiter in der Bank hingegen kaum hinterfragen.

Warum auch?

Für die Bank ist es ein gutes Geschäft und wenn die Hausbank Ihnen die Finanzierung – aus Sorge um Sie – nicht genehmigt, dann springt vermutlich die Konkurrenz ein.

Die Bank interessiert also allein die sogenannte Kapitaldienstfähigkeit. Ihre Fähigkeit, den Kredit zu tilgen.

Ausweitung Ihres Blankoanteils

Die neue Immobilie bewertet die Bank übrigens anders als Sie. Nämlich deutlich unter dem Kaufpreis. Somit vergibt die Bank mehr Kredit als sie Sicherheiten von Ihnen bekommt.

Den unbesicherten Teil des Kredits nennt die Bank den „Blankoanteil“. Dieser Blankoanteil könnte Sie bei zukünftigen notwendigen Praxisfinanzierungen blockieren.

Noch einmal im Klartext:

Die Zusage eines Immobilienkredits von beispielsweise 1 Million Euro ist KEIN Beleg dafür, dass die Immobilie, die Sie kaufen möchten, auch diesen Wert hat.

Kredit an der Obergrenze

Unterstellen wir einmal, dass Sie Ihre Traumimmobilie gefunden haben. Meist soll ein Neubau her oder eine alte Immobilie umgebaut werden.

Sie haben 1 Mio Euro für den Kauf nebst Umbaukosten einkalkuliert.

Natürlich orientieren Sie sich bei der Immobiliensuche an der Obergrenze der von der Bank eingeräumten Möglichkeiten. Ein Architekt hat Ihnen für den Umbau eine solide Kostenplanung aufgestellt.

Mit der Million von der Bank sollte also alles solide finanziert sein. Was meinen Sie? Reicht die Million? Sie reicht NIE.

Nachfinanzierung wegen „unerwarteter“ Mehrkosten

Spätestens drei Monate nach Spatenstich rufen Sie noch einmal bei der Bank an. Hier und da müssten doch mehr Steckdosen hin und der Wintergarten sollte sinnvollerweise doch jetzt schon angegangen werden.

Nochmal 200.000 Euro bitte.

Die Bank wird zwar langsam nervös, aber wird schon schief gehen. Sie bekommen das Geld. Das Haus wird auch wirklich wunderschön.

„Hier ziehe ich nie wieder aus!“ sagen Sie nun.

Vor einem Jahr waren Sie noch der Meinung, dass Sie im Falle einer Krise auch bereit wären, die Immobilie wieder zu veräußern. Aber wen interessiert schon sein Geschwätz von gestern …

Der Finanzgott sorgt für Gerechtigkeit?

Kennen Sie den Fußballgott? An den Fußballgott glauben weltweit die allermeisten Fußballfans. Er wird immer dann bemüht, wenn einer Mannschaft vermeintlich Unrecht (durch den Schiedsrichter) widerfahren ist.

Wenn es einen Fussballgott gibt, dann wird er im Rückspiel dafür sorgen, dass das erlittene Unrecht wieder ausgebügelt werden wird! So der Glaube der Fussballfans.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele Unternehmer an einen Finanzgott glauben.

Dieser Finanzgott regelt, dass Sie genug Geld haben, um in den Urlaub zu fliegen, ein großes Auto zu fahren und die Privatschule der Kinder zu bezahlen.

Auch wenn das Konto eigentlich schon leer ist.

Warum der Finanzgott sich darum kümmern sollte? Na, weil Sie schließlich hart gearbeitet haben. Da müssen einem ein paar Annehmlichkeiten – verdammt nochmal – zustehen!

Die bittere Wahrheit

Ich muss Ihnen leider etwas trauriges mitteilen: Es mag einen Fußballgott geben, aber es gibt sicher keinen Finanzgott.

Es existiert keine höhere Macht, die sich für Ihre (gefühlte) finanzielle Gerechtigkeit einsetzt.

Wenn Ihr Einkommen sinkt, müssen Sie Ihre Ausgaben reduzieren. Dabei ist es völlig unerheblich, ob Sie 30, 40 oder 60 Stunden in der Woche arbeiten.

Deshalb hilft Ihnen auch keine göttliche Kraft, wenn Sie einige Jahre nach Einzug in das schicke Eigenheim mal einen „Durchhänger“ in Ihrer Praxis haben.

Finanzierung bis zum Limit heißt Arbeit bis zum Limit

Wenn Sie sich bis „Oberkante Unterlippe“ verschuldet haben und das Haus halten wollen, müssen Sie jeden Monat die Summe X erwirtschaften.

Tun Sie das nicht – weil Sie nicht mehr wollen oder nicht mehr können -, geht dies an Ihre Liquidität.

Auch wenn wir als Steuerberater vorrechnen, dass die gesunkenen Gewinne nicht (mehr) ausreichen, um das Eigenheim (manchmal auch die Eigenheime) zu halten, wird an an der Immobilie festgehalten.

Koste es, was es wolle.

Die Folgen negativer Liquidität

Zunächst läuft der Dispokredit ins Minus. Dieser wird dann umgeschuldet. Und läuft wieder ins Minus. Wieder Umschuldung. So lange bis die Bank die rote Karte zeigt.

Als nächstes werden die Steuern nicht mehr gezahlt. Kam Ihnen sowieso schon immer komisch vor, dass die Steuern so hoch sind. Eigentlich arbeitet man ja inzwischen nur noch für das Finanzamt.

Langsam ärgert es Sie auch, dass der Steuerberater Ihnen immer mit einem angeblich notwendigen Hausverkauf auf die Nerven geht.

Und jetzt fängt die Bank auch noch damit an …

Genau diese Fälle haben wir in der Vergangenheit vergleichsweise häufig erlebt.

Sie endeten – wenn nicht plötzlich eine Erbschaft daher kaum – nicht selten in der Insolvenz, oder in der Mandatskündigung.

Mit anschließender Insolvenz …

Wie Sie der Insolvenz aus dem Weg gehen

Es ist schon fast banal. Bleiben Sie unter Ihren (finanziellen) Möglichkeiten. Das gilt für alle Ihre privaten Ausgaben.

Haben Sie sich erst einmal an einen gewissen Standard gewöhnt, kommen Sie von diesem kaum noch herunter.

Es wird sicherlich Phasen geben, in denen Ihr Unternehmen einmal nicht rund läuft. Für diese Phasen müssen Sie Puffer aufgebaut haben.

Und Sie brauchen einen großen finanziellen Puffer für Ihren Ruhestand. Haus und Versorgungswerk werden nicht reichen.

Sparen Sie bei einem Hauskauf parallel Reserven für Renovierungen und für eine weitere etwaige Versorgungslücke an.

Planung vor dem Hauskauf

Sie wollen unbedingt ins Eigenheim?

Welche Immobilie Sie sich tatsächlich leisten können, erarbeiten wir gerne gemeinsam mit Ihnen im Rahmen einer Finanz- und Vermögensplanung.

Hierbei sollten wir auch bewusst Szenarien einkalkulieren, in denen es vielleicht einmal weniger gut in Ihrer Praxis läuft.

Im Zweifel kaufen Sie das Haus eine Nummer kleiner. Ein späterer Umzug in die nächste größere Immobilie ist damit ja nicht ausgeschlossen.

Denn vielleicht gibt es ihn ja doch, den allmächtigen Finanzgott …

2 Kommentare

  1. von Plattner

    Lieber Jens, wie immer ein sehr gelungener Artikel, der zum Nachdenken anregt … aber auch zum weiterarbeiten :-)))

    Liebe Grüße und bis bald mal wieder zum Lunch !!

    Christian

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